Rottweiler: Liebenswerter Familienhund oder wilde Bestie?

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Ja, was ist denn der Rottweiler nun? Anhänger der Listenhunde bzw. der Rassehunde, die nicht zur Haltung in Deutschland zugelassen sind, sind empört: Das Problem hängt doch immer am anderen Ende der Leine? Aber ist das beim Rottweiler wirklich so?

Typisch Rottweiler: Eine Chronologie von Beißattacken

Inzwischen hat es der Rottweiler geschafft und steht in fünf Bundesländern auf der Liste der Hunde, die nicht erwünscht sind. Spätestens nach den nach der Beißattacken in Berlin und in München (siehe Videos weiter unten) in 2018 dürfte klar sein, warum. Ein Hund, der scheinbar grundlos austickt, gehört nicht in die Öffentlichkeit!

Video: Rottweiler-Attacke am Hbf.: Was treibt den Hund dazu?

Schnell ist aus dem niedlichen Welpen ein Rüde oder eine Hündin geworden, der oder die sogar für den eigenen Besitzer gefährlich werden kann. Sicherlich kann niemand für das Verhalten eines Hundes garantieren, doch schon allein das Rasseportrait des Rottweilers zeigt, dass man es hier mit einem Tier zu tun bekommt, der dem allseits gefürchteten Terrier in nichts nachsteht und ihn vielmehr noch übertrifft. „Partner“? Von wegen, es sei denn, eine Partnerschaft ist durch ein hinterhältiges Verhalten gekennzeichnet.

Video: Hundeangriff in München: „Dieser große Fehler hätte nicht passieren dürfen!“

An dieser Stelle werden viele Menschen aufschreien und sagen, dass das Problem nicht die Tiere oder bestimmte Rassehunde seien, sondern der Mensch, der es versäumt habe, sein Tier richtig zu erziehen. Doch selbst Züchter weisen darauf hin, dass der Rottweiler nicht für das Zusammenleben mit kleinen Kindern geeignet sei.

Warum nur? Ginge es nur darum, dass der bis zu 70 kg schwere Rüde ein Kind im Spiel umschubsen könnte, stünde sicherlich kein Problem an. Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass all die Fälle in der Vergangenheit vielmehr zeigen, dass es sich bei einem Rottweiler um eine umstrittene Hunderasse mit vielfältigen Charaktereigenschaften handelt, zu denen eben auch die Eigenschaften gehören, die nicht familientauglich sind.

Ein Blick auf die Chronologie ist erschreckend:

  • November 2002

    In Hobeck in Sachsen-Anhalt wird ein sechs Wochen altes Baby von einem Rottweiler angegriffen. Nicht von einem fremden Tier, sondern vom angeblichen Familienhund! Das Kind liegt im Kinderwagen und schläft, dürfte das Tier damit wohl kaum gereizt haben. Dennoch: Der Rottweiler tötet das Baby mit seinen Bissen.

  • November 2006

    Wieder ein totes Baby: Im Kreis Cuxhaven wird ein vier Monate altes Kind im Kinderzimmer angegriffen und stirbt durch die Attacke. Wieder ein Familien-Rottweiler.

  • Januar 2008

    Ein dreijähriger Junge wird auf dem Weg in den Kindergarten in Kassel angegriffen und durch Bisse in den Kopf schwer verletzt. Das Tier lief frei herum.

  • Juni 2015

    In Falkenstein in Sachsen wird ein Kind von einem angeketteten Rottweiler angegriffen und erleidet schwere Verletzungen am Kopf. Der Kleine kam dem Tier zu nah.

  • Juli 2015

    Ein Mann wird schwer verletzt, als er auf einem Spaziergang in Bad Sulza in Thüringen von einem „Rotti“ angegriffen wird. Sanitäter kommen wegen des Tieres nicht an den Mann heran, die Polizei muss den Hund erschießen.

  • Oktober 2014

    Ein spielendes Mädchen wird von einem Rottweiler angefallen, der seiner Besitzerin weggelaufen ist. Die Dame war gestolpert und hat daraufhin die Leine des Tieres losgelassen. Das Mädchen wurde durch Bisse in den Oberkörper schwer verletzt.

  • Oktober 2015

    Eine Polizistin sucht einen Motorradfahrer und betritt ein Grundstück. Sie wird vom Hund angefallen und schwer verletzt, das Tier verbeißt sich in ihrem Arm. Der Hund war bereits zuvor auffällig geworden und wurde nun erschossen.
    Ebenfalls in diesem Zeitraum wurde eine 14-Jährige durch einen entlaufenen Rottweiler angegriffen und durch Bisse in den Kopf, in Arme und Beine schwer verletzt.

  • März 2016

    Ein freilaufender „Rotti“ beißt eine Frau in die Hand, als diese ihren Dackel vor dem Angreifer schützen will und auf den Arm nimmt. Der Halter des Rottweilers flüchtet vor der Polizei und stürzt, daraufhin beißt ihn der Hund mehrfach in den Kopf.
    Diese Chronologie ist nicht vollständig, lässt sich aber beliebig weiterführen. Zum Beispiel durch den Vorfall in Schadeleben in Sachsen-Anhalt, als ein „Rotti“ aggressiv wird. Er beißt ein vierjähriges Mädchen, das nachmittags wie immer beim benachbarten Züchter der Tiere zum Spielen geht. Die Kleine stürzt, der Hund beißt. Schwerste Kopfverletzungen sind die Folge.

Video: Lebensgefährliche Kampfhunde: Wieder mal ein Rottweiler 3:16 AKW in Belgien (29.04.2016 ARD-Brisant)

Oder der Fall in 2018 in Berlin: Ein Rottweiler beißt einen Passanten, die 26-jährige Besitzerin will mit dem Tier im Auto ihres Freundes flüchten. Eine Passantin möchte aber die Personalien der Besitzerin haben. Diese lässt den beißwütigen Hund daraufhin aus dem Auto, er verletzt drei weitere Passanten. Außerdem werden zwei Polizisten von dem Tier verletzt, ehe er erschossen werden kann.

Ein weiterer Fall in 2014: Der Hundebesitzer und seine Freundin streiten sich, das Tier greift die Freundin an. Diese will flüchten, wird daraufhin gebissen. Auch der Besitzer, der eingreifen will, erleidet Verletzungen. Die beiden schließen sich im Badezimmer ein und rufen die Polizei. Diese kann jedoch nichts tun, da niemand die Wohnung betreten kann. Erst der Bruder des Hundebesitzers schafft es, das Biest zu beruhigen und ihm einen Maulkorb anzulegen.

Typisch Rottweiler! Was ist daran normal?

Egal, ob der „Rotti“ in einen Streit zwischen seinen Besitzern eingreift (Video weiter unten) oder sich auf und davon macht, um Kinder und Passanten zu beißen: Was soll daran ein normales Verhalten sein? Sollen Menschen hinnehmen, dass sich andere für Rassehunde entscheiden, die zur Gefahr für die Allgemeinheit werden? Die unberechenbar agieren? Wobei „unberechenbar“ nicht ganz zu stimmen scheint, denn es lässt sich zumindest berechnen, dass das Tier irgendwann austicken kann und dann vor allem versucht, in den Kopf zu beißen.

Kein lästiges Zwicken in die Wade, kein Hinstellen und Knurren! Nein, dieser Rassehund stellt seine Beute nicht wie ein Terrier, er erlegt sie direkt. So etwas kann kein Partner sein, wenn es nicht darum geht, eine Waffe an der Seite zu haben. Die niedlichen Welpen, die nur allzu gern gekauft werden, wachsen binnen weniger Monate zu Hunden heran, die eine Aufgabe brauchen, wenn sie noch halbwegs zurechnungsfähig sein sollen. Wer einmal erfahren hat, wie die Angriffe vonstatten gehen und mit welcher Kraft der Rotti zubeißt, wird sich wünschen, dass diese Rassehunde nicht nur auf einer Liste stehen. Sie dürfen gern von der Bildfläche verschwinden!

Interessant dabei ist, dass die Meldungen von beißwütigen Rottweilern zahlenmäßig weit über den Meldungen von Hundeangriffen von tatsächlich als „Kampfhunde“ eingestuften Tieren liegen. Der gefürchtete American Staffordshire oder der fiese Bullterrier: Diese Hunde zeigen im Rasseportrait, dass sie durchaus für den Kampf und für das Beschützen gezüchtet wurden. Sie haben einen Kiefer, der eher einer Schraubzwinge ähnelt als einem Gebiss. Dennoch scheinen diese Hunde ein anderes Gemüt zu haben. Hier ist die in der Überschrift gestellte Frage eher angebracht, denn die Meldungen über Hundeattacken sind nicht voll von Bull- und Staffordshireterriern, sondern voll mit Schäferhunden und Rottweilern!

Video: Rottweiler flippt aus und beißt Besitzer

Listen- oder Familienhunde? Welcher Ruf wird Rottweilern gerecht?

Geht es um Rottweiler, spalten sich die Lager der Hundeliebhaber. Die einen sagen, sie mögen zwar Hunde, jedoch ein Rotti wäre die Ausnahme. Andere sind absolute Verfechter der Hunderasse, die angeblich nur die eigenen Leute beschützen würde. Die oben dargestellten Fälle zeichnen jedoch ein anderes Bild, denn vielfach werden die eigenen Besitzer von Rottweilern angegriffen.

Ob Rüde oder Hündin spielt dabei keine Rolle, ebenso wenig scheint es wichtig zu sein, ob die Tiere bisher etwas Schlechtes erfahren mussten. Ein Austicken und Beißen wären noch verständlich, wenn die Hunde zuvor schlecht behandelt worden wären oder an das Zusammenleben mit dem Menschen nicht gewöhnt waren. Doch vielfach wenden sich die Biester schlagartig gegen Herrchen oder Frauchen, nutzen bestimmte Situationen aus und werden zur wilden Bestie.

Liebhaber der Rasse sehen es hingegen so, dass der Ruf der Tiere weitaus schlechter sei und dass es allein die Medien wären, die Zwischenfälle hochspielen würden. Schließlich werden über all die beißenden Dackel und andere „Handtaschenhunde“ gar nicht so oft und so nachhaltig berichtet, weil die Bisse keine derartigen Auswirkungen hätten. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer! Es ist ein Unterschied, ob ein Chihuahua zubeißt oder ein Rottweiler. Die Kraft des Kiefers lässt Knochen bersten, Risse in Haut und Muskulatur, die mit zahlreichen Stichen genäht werden müssen, sind keine Seltenheit. Der Rottweiler als Listenhund? Unbedingt, denn er reagiert völlig unvorhersehbar, dann aber mit einer Kraft und Intensität, die einen Menschen umbringen kann.

Vielfach wenden sich die Rottweiler schlagartig gegen Herrchen oder Frauchen, nutzen bestimmte Situationen aus und werden zur wilden Bestie.

Vielfach wenden sich die Rottweiler schlagartig gegen Herrchen oder Frauchen, nutzen bestimmte Situationen aus und werden zur wilden Bestie. (#01)

Rottweiler wurden viele Generationen darauf gezüchtet, eigene Schutzinstinkte zu entwickeln und sich selbst ein Urteil von einer Situation zu bilden. Sie sollten Hab und Gut verteidigen, sollten aufpassen und selbst entscheiden, wann ein Eingreifen nötig wäre. Das lässt sich nicht einfach herauszüchten, nur weil der Mensch heute einen Kuschelhund haben möchte! Der Australian Sheperd ist in dem Sinne ein Leidensgenosse. Er wurde dafür gezüchtet, auf Schafherden aufzupassen, sie zu treiben und dafür zu sorgen, dass kein Schäfchen verloren geht.

Auch er musste eigene Entscheidungen treffen, gleichzeitig sehr agil und flexibel sein. Diese Hunderasse ist zu einer Moderasse geworden, die in engen Wohnungen und Gärten gehalten wird und keine wirkliche Aufgabe mehr hat. Er sucht sich Aufgaben und zeigt dabei einen erstaunlichen Ideenreichtum. Dieser ist aber ungefährlich, lediglich manchmal aufgrund damit einhergehender Zerstörung der Wohnung lästig. Anders der Rottweiler, der heute kein Wachhund mehr zu sein braucht. Er muss eine sinnvolle Aufgabe haben, denn ein unterfordertes Gehirn sucht sich auch hier eigene Aufgaben! Diese kollidieren häufig mit der Wunschvorstellung des Menschen, einen großen, kräftigen und eindrucksvollen Hund zu haben, der besonders intelligent und stark ist, gleichzeitig aber ein Lämmchen.

Der Rottweiler ist dann eher der Wolf als das Lamm und es entstehen Gefahrensituationen, die in dieser Form nicht hätten vorliegen müssen. Langeweile kann tödlich sein, wie leider sehr viele Rottweiler-Opfer bisher erfahren mussten. Die logische Schlussfolgerung: Rottweiler können Dienst- und Schutzhunde sein, haben aber in nicht geprüfter Privathand nichts zu suchen!

Video: Rottweiler, das wahre Gesicht.

Wer nicht das Glück hat, auf das Idealbild des Rottweilers beim Stöckchensuchen zu treffen, wenn dieser scheinbar keiner Fliege etwas zuleide tun kann, sollte die folgenden Tipps beherzigen:

  • Nicht weglaufen!
  • Keine Abwehrbewegungen in Richtung des Hundes!
  • Kein Hochreißen der Arme!
  • Nicht schreien!
  • Nicht in die Augen starren, nicht fixieren!
  • Beim Beißen: Kein abwehrendes Schlagen, kein Gerangel aufkommen lassen!

Auch wenn es schwerfällt, sollte das Verhalten im Ernstfall eher defensiv sein, der Hund darf nicht zusätzlich gereizt werden. Jedes Verhalten, das dem natürlichen Beuteverhalten entspricht, sollte unterlassen werden.


Bildnachweis: ©Shutterstock – Titelbild: EKATERINA SOLODILOVA – #01: sirtravelalot

About Author

Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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